Dominik Heuwieser

Pädagogik kommt vor der Technik

Lehrermangel, Investitionsstau und Digitalisierung in der Bildung
FDP Rottal Inn Diskussion mit Bildungsexperten

Die Schule läuft seit zwei Wochen: Nach den ersten Elternabenden werde bereits diskutiert, so beschreibt Britta Hundesrügge, die Situation an den Schulen: Unterricht fällt aus, Lehrinnen sind schwanger und haben trotzdem Klassenleitung, W-Lan bricht zusammen. Zu den wichtigsten Hausaufgaben der Bildungspolitik, über die es zu diskutieren galt, zählt sie, den Lehrermangel zu beheben, den Investitionsstau zu beseitigen und die Digitalisierung voranzubringen.

„Wir müssen die Schulen endlich aus der Kreidezeit holen“, forderte der Rottaler FDP-Landtagsdirektkandidat Dominik Heuwieser (Unterdietfurt) provokant die Pädagogen-Chefin heraus. „Whiteboard statt Overhead-Projektor, Tablet statt Bücher“ – Schule und Lehrer müssten mehr mit der Zeit gehen und die digitalen Hilfsmittel. „Neue Methoden aus dem Alltag sollten bereits in der Schule angewandt werden, die Lehrer sollten besser auf die Schüler eingehen als jetzt“, forderte Heuwieser.

Für Simone Fleischmann, die rund 62.000 Pädagogen im Freistaat vertritt, gibt es keine Kompromisse: „Lehrer als die Pädagogik-Fachleute wissen am besten, wann sie welches Medium einsetzen können.“ Lehrer seien nicht zu ersetzen, warnte die Pädagogin vor einer „Glorifizierung“ der Digitalisierung. Die Rolle des Lehrers sei dadurch gekennzeichnet, dass der Bildungsprozess auf einer Beziehung zwischen Menschen basiert.

„Pädagogik zuerst“, stimmte Prof. Dr. Ernst Fricke, Vorstandsmitglied des Bayerischen Elternverbandes aus Landshut, durchaus zu, aber Schulen und Lehrer sollten sich im Zuge der Digitalisierung neu orientieren. Viele Hilfsmittel wie ein digitales Geschichtsbuch, das mit großem Erfolg an einer Universität eingeführt worden sei, würden in der Schule nur zaghaft Fuß fassen. Ähnlich sei es mit Mathematik-Tests, die über Schulen hinweg, Vergleiche zwischen den Schülern erlauben, aber aus „Datenschutzgründen“ vom Kultusministerium abgelehnt werden.

Die CSU-Staatsregierung hat nach Ansicht von Dominik Heuwieser ihre Hausaufgaben in der Bildungspolitik nicht gemacht. Wegen ihrer verfehlten Personalpolitik habe die Kultusbehörde in den letzten Jahren den Lehrermangel sogar verschärft. Kultusminister Bernd Siebler verkauft nach Einschätzung von Heuwieser den Eltern „Blendwerk“ und rechne den Lehrermangel schön. Von 4.000 geplanten Stellen, so rechnet der FDP-Mann vor, seien gerade ein Viertel realisiert worden. Fünf Prozent der Lehrer seien nur befristet eingestellt worden. Im Jahr 2019 werde ein Gesetz in Bayern eingeführt, dass es der Staatsregierung erlaubt, die Anzahl der Referendare für einzelne Fächerkombinationen einzuschränken. „Das ist ein seltsames Signal an Menschen, die sich für den Lehrerberuf interessieren“, sagt Heuwieser. Das Kultusministerium sollte sich darum kümmern, den Lehrerberuf attraktiver zu gestalten und den Wechsel zwischen den Schulformen zu erleichtern.

Prof. Dr. Ernst Fricke zeigt sich mit Blick auf sein 50-jähriges Abitur-Jubiläum ernüchtert: „Die Lehrerversorgung läuft wie früher. Es hat sich nicht viel geändert.“ Der Elternvertreter weist darauf hin, dass die Fehlzeiten von Lehrern an Privatschulen (dazu zählen auch Ordensschulen) deutlich geringer ausfallen. Er mahnt zudem mehr demokratische Mitgestaltungsmöglichkeiten der Eltern im Schulsystem zwischen Schule, Lehrer und Schüler an: „Ohne Eltern gibt es keine Kinder, die unterrichtet werden können.“ Fricke bemängelt eine fehlende gesetzliche Elternvertretung an den Schulen. Ein demokratisch legitimiertes Mitwirkungsinstrument fehle auch, um „auf Augenhöhe“ mit dem Kultusministerium Einfluss geltend zu machen.

Bis voraussichtlich 2025 wird nach Berechnungen des BLLV der Lehrermangel nicht behoben sein. Um die Mangelerscheinungen abzufedern, können nach einer Maßgabe des Kultusministeriums andere Pädagogen auf die Grund- und Mittelschule umsatteln. Dafür winke die schnellere Verbeamtung. Wenn Lehrer knapp sind, dann hilft laut Simone Fleischmann auch die eigenverantwortliche Schule nicht weiter: „Mit Nix kann der Schulleiter nicht jonglieren“, stellt sie fest. Trotz guter Personalplanung sei der Markt leergefegt, die mobile Reserve aufgebraucht. Mit Grausen verweist Fleischmann nach Berlin. Dort werden bereits 52 Prozent des Personals an den Schulen von Nicht-Pädagogen gestellt.

Die Schüler müssen den Lehrermangel am Ende ausbaden. Es sei „schockierend“, so Mathias Tobler, Junger Liberaler aus Altenbuch im Landkreis Dingolfing-Landau, wenn die Klasse in einem Jahr von vier Mathematik-Lehrern unterrichtet werde. Die Schüler hätten den Nachteil, weil sie den Stoff aufholen müssten. Es bleibe häufig keine Wahl als in Eigeninitiative und in gemeinsamen Arbeitsgruppen wieder auf den aktuellen Stand zu kommen. Technisch sieht er die Schule noch rückständig. Mit seinem Tablett, das viele Hefte ersetzt, habe er keinen Internet-Empfang in seiner Schule. „Nach W-LAN braucht man gar nicht erst zu fragen.“

Die Lehrer würden noch in einer anderen Welt leben. Häufig würden sie noch mit Arbeitsblättern aus der Vor-Computer-Zeit arbeiten.

Dominik Heuwieser wies darauf hin, dass nur 20 Prozent der Lehrer sich mit dem Thema Digitalisierung beschäftigen würden. Simone Fleischmann konterte mit dem Hinweis auf ausgebuchte Fortbildungskurse bei Kooperationen mit großen Computer- und Softwareherstellern. „Faule Tomaten gibt es in jedem Beruf.“ Prof. Dr. Ernst Fricke mahnte an, die Eltern bei der Fortbildung mit ins Boot zu nehmen.

 

Bildtext:

Diskutierten über Lehrermangel, Investitionsstau und Digitalisierung (v.l.) Moderatorin Britta Hundesrügge (Starnberg), Prof.  Dr. Ernst Fricke, Vorstandsmitglied im Bayerischen Elternverbandes, der Rottaler FDP-Landtagsdirektkandidat Dominik Heuwieser, Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) und Mathias Tobler von den Jungen Liberalen (JuLis). (Foto: Josef König).

FDP Rottal Inn diskutiert über Hausaufgaben in der Bildungspolitik